Sonntag, 15. Mai 2005

ESC – der Liederwahnsinn

Herr Doktor ich habe ein großes Problem, traue mich aber nicht so richtig darüber zu reden.

Nur zu, Sie machen sich ja kein Bild was ich schon alles so gehört habe. Es geht also wahrscheinlich um „unten rum“, oder? 

Nein, nein, so ist es nicht. Eher im Gegenteil. Ist wohl was Psychisches, glaub’ ich. Also ich lass die Katze jetzt mal einfach aus dem Sack.

Doch „unten rum“. Ich habs ja gesagt.

Nein, ich bin ESC-Fan!!!

Davon hab ich allerdings noch nie was gehört. Welche Symptome treten auf? 

Nun, ich ziehe mir Musik rein, die ich eigentlich abscheulich finden sollte. Ich halte mich für musikalisch aufgeklärt. Verehre die Doors, halte Bob Dylan für bahnbrechend und gleichzeitig überbewertet, The Who sind meine Helden, Oasis sind toll und Radiohead noch viel toller. Trotzdem überkommt es mich jedes Jahr wieder. Meine Füße wippen im Takt zu schwedischen Happy-Schlagern, ich summe maltesische Schmachtballaden und flöte israelische Ethnomotive.

Ist das Ganze chronisch oder kommt es eher in schubartigen Anfällen? 

Das ist saisonabhängig. Meistens geht es im November, Dezember los und zieht sich dann bis Mitte Mai.

Woher beschaffen sie sich diese Musik? In einem normalen Plattenladen wird es solch gefährliches Zeug doch sicher nicht geben, hoffe ich? 

Da haben Sie recht, aber im Internet können Sie doch heutzutage alles bekommen. Im November des letzten Jahres ging es z.B. mit den ersten Liedern der albanischen Vorentscheidung los. Die sammelten sich dann so nach und nach auf meiner Festplatte. Weiter ging es mit Ukraine, Finnland, Litauen, Bulgarien….

Betreiben Sie dabei nur eine hamsterartige Vorratshaltung oder kommt es bisweilen auch zum Konsum?

Ständig, Herr Doktor! Ich höre mir einfach alles an.

Können Sie dabei körperliche oder psychische Reaktionen feststellen? 

Allerdings. Die Reaktionen sind aber ganz unterschiedlich. Manchmal habe ich das Gefühl, ich bekäme keine Luft und müsste mich erbrechen. Meistens fühle ich mich beim Anhören aber erstaunlich gut. Bei dem moldawischen Beitrag bin ich immer geradezu euphorisiert und aufgekratzt, beim finnischen und lettischen seltsam ergriffen. Beim bosnischen Lied bekomme ich immer Lachanfälle und beim belgischen und monegassischem werde ich ganz fürchterlich müde und muss ständig gähnen. Da hilft dann nur das Lied aus Norwegen. Das macht mich wieder putzmunter.

Ich glaube dieses ständige emotionale Auf und Ab bekommt Ihnen nicht. Haben Sie schon mal mit jemandem darüber gesprochen? 

Ja, habe ich. Es gibt da dieses Internetforum unter www.ogae.de . Denen geht es auch so wie mir. So richtig helfen können die mir aber auch nicht. Aber die haben da einen guten Weg gefunden sich abzulenken. Die beschäftigen sich nämlich sehr eingehend mit Statistik. Ständig erstellen sie Ranglisten und finden die seltsamsten Wege ihr Leiden immer wieder in neue Punktetabellen zu fassen.

Ich fürchte, dieser Umgang tut Ihnen nicht gut.

Aber es ist doch bald vorbei. In einer Woche werde ich alles überstanden haben. Dann kann ich mich wieder um anderes kümmern. Um Raimunds Shubidu-Contest oder Yannis Intermezzo zum Beispiel.

Ich verstehe nicht ganz! 

Oh ich glaube da erzähle ich ihnen erst in einer unserer nächsten Sitzungen von, sonst würden Sie mich wahrscheinlich doch gleich einweisen.