Sonntag, 9. April 2006

Panagia mou, panagia mou

Der nächste Eurovision Song Contest rückt immer näher, in sechs Wochen ist es schon so weit. Zur Einstimmung habe ich mir gestern ein altes Schätzchen auf DVD angeschaut, nämlich den Wettbewerb aus dem Jahre 1976. Klar, diese alten ESC haben einen gewissen kuriosen Reiz und die dort zu sehenden Langhaarfrisuren und Koteletten bieten immer wieder Gelegenheit zum Schmunzeln. Choreographien wie man sie heutzutage sieht waren noch kaum zu sehen. Ein kokettes Winken und Hüftenwippen waren schon das höchste der Gefühle. Musikalisch waren die meisten Beiträge von 1976 eindeutig im Seichten angesiedelt, so natürlich die Sieger Brotherhood of Man und auch der deutsche Beitrag der Les Humphries Singers. Doch zumindest eine echte Perle habe ich gestern entdeckt. Mariza Koch, die für Griechenland mit „Panagia mou, panagia mou“ an den Start ging. Was für eine tolle Stimme und was für ein mitreißendes Lied! Es war deutlich zu spüren, dass sie nicht nur sang um möglichst viele Punkte zu bekommen, sie sang für höhere Ziele. Entgegen dem gültigen ESC-Zeitgeist hatte dieses Lied eine hochpolitische Aussage. 


 “Ein Stück Land voll mit Apfelsinenbäumen, entlang breiten sich die Olivenbäume aus. Die Strände um das Land sind aus Gold und der Abglanz blendet dich. Und wenn ihr eines Tags an diesen Ort kommt und mehrere Zelte nebeneinander seht, wird es kein Camping für Touristen sein. Es ist nur ein Flüchtlingslager.”

Unschwer auszumachen, dass hier die Intervention der Türkei in Nordzypern angeprangert wurde. Dementsprechend nahm die Türkei am ESC 1976 nicht teil und unterbrach kurzerhand die TV-Übertragung während Mariza Kochs beeindruckendem Friedenslied. Den Begriff „Friedenslied“ hat dann sechs Jahre später Nicole mit ihrem Siegertitel „Ein bisschen Frieden“ in Misskredit gebracht. Wie ungerecht doch die Schlagerwelt ist. Wieviel mehr hätte es nicht Mariza Koch verdient gehabt den Wettbewerb zu gewinnen!Sehr auffällig war, dass die ARD scheinbar jeden Anflug von Politik in dieser Show unterbinden wollte. Der Kommentator Werner Veigel erwähnte mit keiner Silbe die eigentliche Bedeutung des Textes, er sprach nur davon, das Lied hätte Anleihen bei einer Volksweise aus Epirus genommen. Auch bei dem nicht minder politischen Lied aus Portugal vermied er entsprechende Andeutungen völlig.