Dienstag, 21. Mai 2013

Der alljährliche ESC-Kater

Jedes Jahr aufs Neue befällt mich in den Tagen nach dem großen Finale der ESC-Kater. Monatelang habe ich mich mit nationalen Vorentscheidungen von Island bis Israel befasst, den Sampler rauf und runter gehört, letztlich die Proben begutachtet und semi-wissenschaftliche Prognosen erstellt. Dann kommen die drei Stunden am Samstagabend und plötzlich ist alles vorbei. Ich kann die Songs, die ich mir im Laufe der Wochen schöngehört habe, kaum mehr ertragen und will auch keine Scorecards mehr sehen.

Trotzdem soll auch die Saison 2013 natürlich einen würdigen Abschluss bekommen und darum darf ein Fazit an dieser Stelle natürlich nicht fehlen.

Ich habe den Sieger richtig getippt, was nun nicht gerade eine hohe Kunst war. Immer noch kann ich mich mit "Only Teardrops" nicht anfreunden. Es ist und bleibt ein Song, der im Rahmen des ESC vorzüglich funktioniert, der aber letztlich keine bleibenden Spuren außerhalb des ESC hinterlassen wird. Das hätte der zweitplatzierte Song aus Azerbaidschan freilich auch nicht geschafft und wenn man sich an all die diplomatischen Verrenkungen erinnert, die die EBU und die Delegationen vor Ort im letzten Jahr gemacht haben, kann man nur froh sein, dass uns das für 2014 erspart bleibt. Trotzdem muss man festhalten, dass Azerbaidschan mit seinem Kurs, völlig auf landestypische Elemente in seinen Beiträgen zu verzichten, Jahr für Jahr wieder gut fährt. Nicht auszuschließen, dass es in näherer Zukunft mal wieder heißt: auf nach Baku!

Die positivste Überraschung des Abends war für mich, dass aus Deutschland satte 12 Punkte nach Ungarn gingen. Nicht zuletzt aus diesem Grund reichte es am Ende für einen geradezu sensationellen zehnten Platz. Glückwunsch!

Insgesamt desaströs war mal wieder das Abschneiden der Big Five. Einzig Italien stach hier mit dem siebten Platz hervor. Die anderen vier sind ausnahmslos in den südlichen Regionen des Tableaus wiederzufinden. Nicht zu Unrecht. Deren Beiträge waren, wie eigentlich jedes Jahr, uninspiriert und es war wenig Begeisterung für den Contest an sich auszumachen. Business as usual also.

In den nächsten Wochen werde ich mich meinem ESC-Kater völlig hingeben und alles was nach Song Contest klingt, komplett ignorieren. Dann wird sich auch langsam wieder die Vorfreude auf die nächste Saison einstellen. Trotzdem werden hier auch in der Sommerpause immer wieder mal Beiträge aufploppen. Es ist ja nicht so, dass es nach mittlerweile 58 Jahren ESC nicht immer was zu erzählen gäbe.

Bis dahin also!



Freitag, 17. Mai 2013

ESC 2013 - Finales Orakel






































Graf Cezar schreibt Geschichte

Der Eurovision Song Contest ist nicht eben arm an bizarren Momenten, aber was sich da gestern Abend gegen 22.10 Uhr  auf der Bühne in Malmö abspielte, wird jedem Fan noch für Jahrzehnte in Erinnerung bleiben:



(Das hier eingebettete Video wurde vom Rechteinhaber, dem YouTube-Channel eurovision, zum Einbetten freigegeben. Stand: 17.05.2013, 09.23 Uhr)

Semifinale 2 - Das Fazit

Na bitte, es geht doch. Beim zweiten Semifinale habe ich immerhin acht von zehn Finalisten richtig getippt. Mit der Qualifikation von Armenien und Ungarn konnte man eigentlich nicht wirklich rechnen, zumindest für Ungarn freue ich mich aber. Zwei Hipster im ESC-Finale, das hat doch was. Sidecut, Nora-Tschirner Brille und Wollmütze, mal sehen ob sie am Samstag noch einen drauf setzen und mit Jutebeutel auf die Bühne kommen.

Und wer ging verloren? Abgesehen von den eh chancenlosen Kandidaten wie Schweiz oder Lettland, blieben auch der Fan-Favorit San Marino und Israel auf der Strecke. Schade um die stimmgewaltig vorgetragene Ballade von Moran Mazor, weniger schade um den arg konstruiert wirkenden Titel von Ralph Siegel. Nach dem Ausscheiden Mazedonienes bleibt mit einiger Verblüffung anzumerken, dass sich keine einzige ehemalige Teilrepublik Jugoslawiens qualifizieren konnte.Das hat es noch nie gegeben.
Meine Finnen haben es geschafft. Trotz des Liedes, möchte ich mal sagen. Immerhin lieferten sie eine spektakuläre Bühnenshow ab, wobei ich auf den doch sehr gezwungen wirkenden Girl-to-girl-kiss auch gut hätte verzichten können. Vor zehn Jahren reichte das bei T.a.t.u. noch zum handfesten Skandal, im Jahr 2013 hebt da niemand mehr die Augenbraue.

Zwischenzeitlich wurde auch die Startreihenfolge für das Finale bekanntgegeben. Deutschland geht mit der Nummer 11 ins Rennen. Nicht perfekt, aber durchaus annehmbar. Vielleicht wird den Startplätzen allgemein etwas zuviel Bedeutung zugemessen, aber das man es mit einem Auftritt zu Beginn der zweistündigen Show nicht eben leicht hat, hat die Geschichte des ESC immer wieder bewiesen.

Jetzt heißt es noch mal die Chancen fürs Finale auszuloten, Wettquoten zu analysieren und nicht zuletzt die kulinarische Verpflegung für morgen Abend zu organisieren und dann kann es eigentlich auch schon losgehen! Wenn es meine angeschlagene Gesundheit zulässt, werde ich im Laufe des Tages noch meinen ultimativen Tipp nachreichen.

Mittwoch, 15. Mai 2013

Semifinale 2 - Auf ein Neues

Nachdem mich meine seherischen Fähigkeiten beim ersten Semifinale im Stich gelassen haben bin ich nun einigermaßen ratlos. Das zweite Semi scheint vier gesetzte Finalisten in spe bereitzuhalten, darüberhinaus ist aber alles möglich. Wie soll ich nur die restlichen sechs richtig heraus picken? Ich versuche es einfach mal, auch auf die Gefahr hin, das Ergebnis vom Dienstag (6/10) noch zu unterbieten.

Griechenland: Koza Mosta feat. Agathonas Iakovidis / Alcohol Is Free (100%)

Den griechischen Finaleinzug wird selbst die Tatsache nicht verhindern können, dass Zypern hier nicht stimmberechtigt ist. Es gibt zwei unumstößliche Wahrheiten beim ESC. 1. Mit der Startnummer 2 kann man nicht gewinnen. 2. Griechenland schafft immer den Einzug ins Finale. So war es, so ist es und so wird es immer sein. Offensichtlich sind sich die Griechen dieses Naturgesetzes durchaus bewusst, anderenfalls hätten sie sich vielleicht doch für einen anderen Song entschieden.

Georgien: Nodi Tatishvili & Sophie Gelovani / Waterfall (90%) 

Schmalztriefende Balladen gehen ja eigentlich immer. Ich kann mir bildlich vorstellen, wie Ralph Siegel bei den Proben hinter der Bühne lauscht und sich denkt "Mist! Das ist so hundertprozentig durchkalkuliert, warum ist mir das nicht eingefallen?". Recht hat er. Dieses schwülstige Machwerk hat es vermutlich wesentlich leichter als sein eigener Beitrag für San Marino.

Azerbaidschan: Farid Mammadov / Hold Me (90%) 

Man wirft Azerbaidschan schon seit Jahren vor, sich ihre ESC-Beiträge ganz bequem und berechnend mit Petro-Dollars einzukaufen. Stimmt natürlich, aber auch gutes Einkaufen ist schließlich eine Kunst. Fragt mal nach bei Guido Maria Kretschmar. Nachdem man in den letzten Jahren vornehmlich auf Liedgut schwedischer Provenienz setzte, hat man diesen Song in Griechenland in Auftrag gegeben. Solider Popsong, der seinen Weg machen wird. Nämlich ohne Umwege ins Finale.

Norwegen: Margaret Berger / I Feed You My Love (90%)

Bis vor wenigen Tagen hätte ich hier noch die 100% für einen definitiven Finaleinzug gezogen. Die Proben haben mich nun ein wenig gebremst. Kann die Margaret das Fernsehpublikum wirklich auf ihre Seite bringen? Der elektronische Stil verlangt natürlich nach einer vergleichsweise kühlen Inszenierung, aber so richtig mitreißend kommt das Ganze halt nicht rüber. Nimmt man nun aber mal die musikalische Qualität zum Maßstab, darf es an einem Erfolg eigentlich keinen Zweifel geben.

Finnland: Krista Siegfrids / Marry Me (70%)

Es gab Zeiten, da habe ich den Finnen vorgeworfen, sich zu wenig um eine fernsehtaugliche Inszenierung zu bemühen. Der Auftritt von Geir Rönning 2005 ist da ein gutes Beispiel. Das kann man dem diesjährigen Beitrag nun sicher nicht vorwerfen. Wenn ein Song so plakativ auf das Vorbild Katy Perry Bezug nimmt, muss auf der Bühne natürlich auch ordentlich was abgehen. Allzu billiges Schmierentheater wird aber in diesem Jahr scheinbar weder vom Publikum, noch von den Juroren goutiert. Serbien mag da als warnendes Beispiel dienen. Es wäre dem Unterhaltungswert für das Finale aber sehr zuträglich wenn Finnland sich qualifizieren könnte. Nur Balladen wirken auf Dauer doch etwas einschläfernd.


Israel: Moran Mazor / Rak bishvilo (60%) 

Kaum ein Thema brachte die Fanwelt während der ersten Probenwoche so sehr in Wallung wie Morans Kleid. Wenn es nichts anderes zu kritisieren gibt, dann sollte ja alles in Ordnung sein. Möglicherweise könnte Israel aber das balladeske Überangebot zu schaffen machen. Sind die Zuschauer bereit, sich auf drei weitere melodramatische Minuten einzulassen? Vermutlich kann man sich aber auf die Juries verlassen, die Morans Stimmgewalt zu schätzen wissen werden.

Rumänien: Cezar / It's My Life (55%) 

Achtung, jetzt wird's absurd! Cezar steht scheinbar auf einer riesigen Plazenta und präsentiert seine teilrasierte Frontansicht. Während er die obere Hälfte ordentlich gestutzt hat, verläuft in südlicher Richtung ein haariger Pfad und weist uns den Weg zum...wir wollen's gar nicht wissen. Dabei singt er in den höchsten Tönen, was ihm als Countertenor nicht schwer fallen sollte. Unter normalen Umständen würde eine solche Aufführung für handfeste Tumulte im Auditorium sorgen, aber hey, it's Eurovision! Und da wird so was auch gerne schon mal mit dem Einzug ins Finale belohnt.


Mazedonien: Esma Redzepova & Vlatko Lozano / Pred da se razdeni (51%)  

So langsam gehen mir die aussichtsreichen Kandidaten aus und auch die Mazedonier stehen ziemlich auf der Kippe. Das erste Semifinale hat gezeigt, dass Ex-Jugoslawien es dieses Jahr nicht leicht hat. Hier sehen wir allerdings einen echten regionalen Star. Esma steht seit über 50 Jahren auf der Bühne und bringt uns hier zum ersten Mal in der ESC-Geschichte Gesang in der Sprache der Roma zu Gehör. Für den zeitgenössischen Anteil an diesem Titel steht auch hier mal wieder ein Casting-Show Teilnehmer. In der Blütezeit des Ethnopop wäre das ein sicherer Finalist gewesen, heute scheint das aber leider nicht mehr en vogue zu sein. Ich drücke die Daumen, bin aber nur mäßig zuversichtlich.


Malta: Gianluca Bezzina / Tomorrow (51%)

Nett und charismatisch ist er ja, der Herr Bezzina. Dazu stimmt er ein beschwingtes Sommerliedchen an, das nicht nur wegen der Untermalung durch eine Ukulele an Jack Johnson erinnert. Ich bin mir wirklich nicht sicher ob das reicht um sieben Kontrahenten hinter sich zu lassen, aber mangels Alternativen setze ich mal auf ihn.


Lettland: PeR / Here We Go (51%)

Nun traue ich mich das, was ich mir beim ersten Semi noch verkniffen hatte. Ich tippe auf einen Song, dessen große Chance einzig in seiner absoluten Chancenlosigkeit liegt. Mein Litauen heißt hier also Lettland. Das liegt nicht nur geographisch gleich um die Ecke sondern hat in relativ untalentierten Interpreten noch eine nicht unerhebliche Parallele aufzuweisen. Dafür scheint es ja einen Markt zu geben. Mutig sind sie immerhin. Wer garantiert ihnen denn, dass bei der geplanten Crowdsurfing-Aktion das dafür unbedingt benötigte Publikum nicht längst Reißaus genommen hat? 


(Sämtliche hier eingebettete Videos wurden vom Rechteinhaber, dem YouTube-Channel eurovision, zum Einbetten freigegeben. Stand: 15.05.2013, 17.19 Uhr)

Semifinale 1 - Das Fazit

Sechs Richtige. Was beim Lotto Anlass zu Freudensprüngen wäre, ist bei meiner Prognose für das gestrige Semifinale eigentlich nur als desaströs zu bezeichnen. Ich kann mich nicht erinnern, schon mal so daneben gelegen zu haben. Das Ergebnis ist einen genaueren Blick wert. Es bleibt festzuhalten, dass sämtliche vier Teilnehmer aus Ex-Jugoslawien gescheitert sind. So etwas wäre vor Einführung der anteiligen Jurywertungen undenkbar gewesen. Ebenso undenkbar war es bisher aber auch, dass diese Länder dermaßen mediokre Titel an den Start schicken. Letztlich hatten es Slowenien, Kroatien, Montenegro und Serbien schlichtweg nicht verdient, sich am kommenden Samstag auf der großen Bühne präsentieren zu dürfen.
Nun einige Anmerkungen zu den qualifizierten Titeln.

Dänemark: Emmelie De Forrest - Only Teardrops 

Ich muss gestehen, dass ich diesem Titel einigermaßen Unrecht getan habe. Was mich auf CD so gar nicht begeistern konnte, kam auf der Bühne dann doch gut rüber. Emmelie war von Anfang bis Ende überraschend stimmsicher. Damit konnte man nach den Eindrücken aus den Proben nicht unbedingt rechnen. Dazu war die Präsentation auf den Punkt. Nicht zu reduziert und nicht zu übertrieben. Letztlich ein Auftritt, der Dänemarks Favoritenrolle zementiert hat.

Russland: Dina Garipova - What If 

Ein hübsches Mädchen, in einem Kleid, mit dem Oma Hilde auf jedem Seniorennachmittag eine gute Figur abgeben würde. Dinas Stimme ist über jeden Zeifel erhaben. Schon beeindruckend, wie routiniert sich eine so junge Sängerin vor Millionen Fernsehzuschauern präsentiert hat. Das Publikum wurde gut in die Choreographie einbezogen und der Finaleinzug, an dem es zu keiner Zeit Zweifel geben konnte, war hochverdient. Eine Top-Ten Platzierung sollte so mindestens möglich sein.

Ukraine: Zlata Ognevich - Gravity 

Ob man sich mit dem Einsatz des 2,34m Manns einen Gefallen getan hat?  Solch ein Gimmick bleibt natürlich beim Zuschauer hängen, rückt aber auch das Lied in den Hintergrund. Außerdem darf man davon ausgehen, dass sich die Juries von solchen Extratouren nicht und wenn doch dann eher negativ beeinflussen lassen. Der disneyeske Titel hat trotzdem einen mehr als konkurrenzfähigen Eindruck hinterlassen und hatte in Zlata (was für ein gruseliger Name!) eine kompetente Interpretin. Auch hier sehe ich eine Top-Ten Platzierung im Bereich des Wahrscheinlichen.

Moldawien: Aliona Moon - O Mie

Was für ein Auftritt! Was für eine Frisur! Großartig. Besser hätte man diese Ballade kaum inszenieren können. Das war ein Genuss für Ohren und Augen. Eigentlich sollte sich Moldawien somit zu einem Mitfavoriten um den Sieg gemausert haben. Das Dark Horse des diesjährigen ESC?

Estland: Birgit Õigemeel - Et uus saaks alguse

Der Hinweis auf Birgits Schwangerschaft fehlte natürlich nicht. Auf Peter Urban ist halt Verlass. Hier wurde alles richtig gemacht. Von Birgit sowieso und von der estnischen Delegation auch. Ein unaufdringlicher Auftritt, der sich in all seiner Schlichtheit bei Zuschauern und Juries entfalten kann. Es liegt in der Natur der Sache, dass die Top-Ten nur Platz für zehn Titel bieten, aber einer davon sollte doch eigentlich an Estland gehen.

Niederlande: Anouk - Birds

War das spannend? Neun Kandidaten waren bereits im Glückstaumel, sieben mussten noch bangen. Eigentlich war damit zu rechnen, dass zuletzt eine der ehemaligen jugoslawischen Republiken genannt würde und die Niederländer konnten einem schon Leid tun bis dann schließlich doch die erlösende Nennung der Moderatorin kam. Hier werden mit Sicherheit die Juries entscheidend zum Finaleinzug beigetragen haben, denn der Auftritt selbst war nun wirklich nicht direkt mitreißend zu bezeichnen. Wie bereits in meiner Prognose vermutet, kam Anouk seltsam unengagiert rüber und ich halte es auch für nicht wirklich geschickt, sie bei ihrem Auftritt inmitten der Fans zu platzieren. Das wirkt bei einer so unnahbaren Künstlerin nicht. Am Samstag werden ihr die Juries dann zu einer passablen Platzierung verhelfen, allzu weit oben sehe ich sie aber nicht.

Litauen: Andrius Pojavis - Something

Hätte ich mich doch mal getraut, auf Litauen zu tippen! Noch am Nachmittag dachte ich mir, dass garantiert irgendein Titel weiterkommt, den niemand ernsthaft auf dem Schirm hat und der er es eigentlich auch nicht verdient hat. Da war Litauen mein Kandidat erster Wahl. Der Sänger ist vermutlich eher anderweitig begabt und der Titel seines Liedes ist hier Programm. Beliebig und belanglos. Bottom-Five am Samstag scheinen hier vorprogrammiert.

Irland: Ryan Dolan - Only Love Survives

Auch der Einzug Irlands will sich mir nicht so recht erschließen. Das war zwar stimmlich auf der Höhe, den Song würde ich aber eher im ESC 1999 verorten. Zeitgemäß ist das nicht und die Inszenierung war mir dann auch einen Tick zu (sorry!) gay. Irland wird sich im Finale irgendwo jenseits von Gut und Böse wiederfinden.

Weißrussland: Alyona Lanskaya - Solayoh

Meine Frau hat das Erfolgsrezept direkt durchschaut. "Mit so einem Kleidchen kann man wohl bei Kerlen in einigen Regionen Europas punkten." Eine dieser Regionen ist auf jeden Fall Düsseldorf-Unterbilk. Aber abseits des hohen Rocksaums war hier wenig Überzeugendes auszumachen. Gesanglich ok, kompositorisch und choreographisch allerdings eher im tiefpreisigen Segment anzusiedeln. Eigentlich eher was für die untere Hälfte des Tableaus, aus hormonellen Gründen aber vermutlich eher um Platz 10 herum wiederzufinden.

Belgien: Roberto Bellarosa - Love Kills

Ja gut, ich geb's ja zu. Auf Belgien hätte man schon kommen können. Das ist geeignetes Futter fürs Privatradio und für einfältigen Pop gibt es immer eine Zielgruppe. Im Finale wird sich dieses Liedchen dann komplett versenden und Signore Bellarosa grüßt von unten.

Dienstag, 14. Mai 2013

Die türkische Auszeit

Die Türkei war über Jahrzehnte so was wie der bucklige Verwandte der ESC-Familie. Sie gehörten zwar irgendwie dazu, aber wenn sie nicht zur jährlichen Familienefeier erschienen wären, hätte es die anderen auch nicht so richtig gestört. Der kulturelle Unterschied zum ESC-Kernland in Westeuropa war nicht zu leugnen und so fanden die oft eher orientalisch anmutenden Beiträge bei den Juries in der Regel wenig Anklang.

Dass sich dies vor rund 15 Jahren änderte lag vermutlich nicht zuletzt an der Osterweiterung der EBU. Der klassiche Schlager wurde immer mehr von folkloristischeren Klängen abgelöst. Dass die Türkei immer erfolgreicher wurde lag aber auch daran, dass man sich immer mehr von operettenhaften Vorträgen verabschiedete und auf angesagte Charts-Themen setzte. Die Türkei war plötzlich am Puls der Zeit. Eine Entwicklung, die mit dem Sieg von Sertab Erener (2003) einen ersten Höhepunkt feierte. In den Folgejahren fuhr der türkische Staatssender TRT stets fantastische Ergebnisse ein und die Türkei wurde so zu einer der erfolgreichsten Nationen der 2000er-Jahre.

Plötzlich und unerwartet kam dann die Ankündigung, am ESC in Malmö nicht teilzunehmen. Die offizielle Begründung lautete, dass man sich gegenüber den Big Five benachteiligt fühle und auf diesem Wege dagegen protestieren möchte.
Aber ob das die ganze Wahrheit ist? Der von mir sehr geschätzte ESC-Blogger Tobias Larsson von YLE-Finnland, berichtet in seinem Blog von Unterhaltungen mit türkischen Freunden, die vielmehr vermuten, dass sich die eigentlich eher säkulare Türkei unter ihrer aktuellen Regierung mehr in Richtung Islamismus, wenn auch in abgemilderter Form, bewege. Als Indiz dafür könne gelten, dass die Türkei seit 2009 keine weiblichen Künstler mehr ausgewählt hat. Der nächste konsequente Schritt wäre die Abgrenzung zur westlichen Popkultur, die möglicherweise mit der Absage für den ESC 2013 eingeleitet wurde. In diesem Fall müsste man sich wohl auf eine längere Abwesenheit von türkischen Künstlern einstellen.


Bleibt zu hoffen, dass dem nicht so ist und wir bald wieder Acts wie z.B. Athena (siehe Video) auf der großen Bühne zu sehen bekommen. Die dauerhafte Abwendung der Türkei vom Eurovision Song Contest wäre ein zu großer Verlust.

(Das hier eingebettete Video wurden vom Rechteinhaber, dem YouTube-Channel eurovision, zum Einbetten freigegeben. Stand: 14.05.2013, 11.15 Uhr)

Montag, 13. Mai 2013

Semifinale 1 - So wird's kommen...

Morgen Abend findet das erste Semifinale statt und gegen Mitternacht kennen wir dann die ersten 10 Finalteilnehmer neben Schweden und den Big Five. Kein ESC ohne Prognosen, also klopfe ich hier mal die Chancen ab. Um das in aussagekräftige Zahlen zu pressen, lehne ich mich an das Prognosenschema des Prinz-Blogs an. Zehn Kandidaten erreichen mit 100% Wahrscheinlichkeit das Finale. Das macht eine Gesamtwahrscheinlichkeit von 1000%-Punkten, die ich nun auf die 16 Teilnehmer verteile. So ein wissenschaftlich fundiertes Vorgehen hätte mir meine olle Mathelehrerin sicher nicht zugetraut.

Hier nun also meine 10 Finalisten (in Klammern: Wahrscheinlichkeit Top 10)



Dänemark: Emmelie De Forrest - Only Teardrops (100%)



Der Flötenschlumpf fängt an! Das wird ja im Allgemeinen als großer Favorit auf den Sieg angesehen. Auf den Sieg am Samstagabend wohlgemerkt! Ich halte das auch für nicht unwahrscheinlich, aber auf keinen Fall für wünschenswert. Der Song funktioniert ausschließlich in der Parallelwelt ESC und ein evtl. Sieg würde den Contest um Jahre zurückwerfen. Die letzten drei Siegersongs Euphoria, Running Scared und Satellite waren europaweite Hits. Mal etwas kleiner und mal etwas größer, aber allesamt Hits. Das halte ich bei Only Teardrops für komplett ausgeschlossen. Der Song würde in den Playlists der ESC-Partys verkümmern und wäre in der allgemeinen Wahrnehmung ab Montag völlig vergessen.

Russland: Dina Garipova - What If (100%)


Eine Weltverbesserungsballade, um die wir im Finale auf keinen Fall herumkommen werden. Hier werden Werte wie Offenheit, Hilfe für die Schwächeren und Friedfertigkeit hymnisch besungen. Alles Werte, für die kaum ein Land so sehr steht wie Russland. Oh...wait...

Ukraine: Zlata Ognevich - Gravity (100%)


Hier muss es sich eigentlich um das kompositorische Spätwerk von Phil Collins handeln. Vermutlich der Ausschuss vom König-der-Löwen Soundtrack. Aber jetzt will ich mal nicht unnötig gehässig sein denn eigentlich gefällt mir Gravity ganz gut. Da bekommt man in drei Minuten einiges geboten und fühlt sich gut unterhalten. Das ist natürlich weit weg von Innovation und Wagemut, aber es darf ja auch gerne mal was Leichteres sein. Wenn nicht beim ESC, wo dann?



Moldawien: Aliona Moon - O Mie (90%)


Bei der zweiten Probe in Malmö wirkte Aliona schon mal deutlich sicherer als noch bei der moldawischen Vorentscheidung. Der Song geht gut ins Ohr und steigert sich, ganz wie es sich gehört, zum Ende hin ins Melodramtische. Die Bühnenshow bewegt sich allerdings stets gefährlich nah an der Grenze zur Lächerlichkeit.

Estland: Birgit Õigemeel - Et uus saaks alguse (80%)



Hier wird dick aufgetragen! Noch nicht mal unbedingt bei der Komposition oder Choreografie, dafür aber beim Umstandskleid. Dat süße Birgit ist nämlich schwanger.
"Fasst er sie etwa an?!?"
Im vierten oder fünften Monat soll sie sein. Da man in diesem Stadium eigentlich gar nichts sieht, empfiehlt es sich, auf der Bühne ein besonders weit schwingendes Kleid zu tragen und die gesamteuropäischen Kommentatoren eindringlichst darauf zu briefen, die Schwangerschaft bloß nicht unter den Tisch fallen zu lassen (wenn man das in diesem Zusammenhang so sagen darf).
Dabei hat diese große Ballade ein solches Theater eigentlich gar nicht nötig. Ein Lied zum sich reinlegen und drin räkeln. Anfangs hielt ich es noch für einigermaßen langweilig, es hat sich aber im Laufe der Wochen zum echten Grower entwickelt. Außerdem darf ich am Rande erwähnen, dass ich seit Jahren ein großer Freund estnischer Liedkunst bin.

Niederlande: Anouk - Birds (70%)



Hier wird es nun etwas problematisch. Dies ist sicher eines der musikalisch anspruchsvollsten Lieder des Wettbewerbs und schon alleine aus diesem Grund wäre es eine Schande, wenn wir es im Finale nicht wiedersehen würden. Die Interpretin, immerhin seit Jahren einer der größten niederländischen Stars, scheint sich hier nicht so recht wohl zu fühlen. Sie macht zumindest in der Probe den Eindruck als fühle sie sich deplatziert und hätte es eigentlich gar nicht nötig, in solch einem Affenzirkus aufzutreten. Kann ja sogar sein, dass sie damit recht hat, wenn sie das aber den Zuschauer spüren lässt, wird das nichts mit dem Finaleinzug.

Serbien: Moje 3 - Ljubav je Svuda (70%)



Machen wir uns nichts vor, Serbien wird wie fast immer ins Finale kommen. Das kann einem gefallen oder auch nicht. Wie bei wenigen anderen Titeln muss man hier aber mal Song und Bühnenshow trennen. Musikalisch kann das durchaus auf gesamteuropäischem Pop-Radio-Niveau mithalten. Was sich da auf der Bühne abspielt ist allerdings peinlichstes Kasperletheater. Man will uns wohl eine Geschichte von Engelchen und Teufelchen erzählen, die aber komplett im Unklaren bleibt wenn man des Serbischen nicht mächtig ist und nur Bohnensuppe versteht. Versuchen wir also, über diese Auswüchse osteuropäischer Schauspielkunst hinwegzukommen und freuen uns einfach auf den rotesten Schlüpfer, den ein ESC-Finale jemals erlebt hat.

Österreich: Natalia Kelly - Shine (60%)




Österreich ist bisher vier Mal bei einem Semifinale angetreten. nur Natalie Beiler (2011) schaffte den Sprung ins Finale. Die weiteren Platzierungen sind katastrophal: 20/25, 27/28, 18/18.
So schlimm dürfte es 2013 eigentlich nicht kommen. Shine ist ein absolut konkurrenzfähiger Titel und Natalia Kelly eine überzeugende Interpretin. Mit nur 16 Teilnehmern war es außerdem noch nie so leicht in ein Finale einzuziehen wie dieses Jahr. Wenn das nicht Österreichs Chance ist, was soll dann noch helfen?

Zypern: Despina Olympiou - An me thimasai (60%)




Huiuiui, ick freu mir! Ein semi-transparentes Spitzenkleid. Bis Samstag dann, mein mediterraner Maikäfer!

Montenegro: Who See & Nina Žižić - Igranka



Also, mal unter uns: Ich glaube gar nicht, dass dieser Titel ins Finale kommt. Ich finde ihn nur so abgefahren, dass ich ihn gerne in diesem Posting sehen möchte. Für's Protokoll halte ich hier also fest: der zehnte Startplatz geht an Irland oder Kroatien oder Irland oder Kroatien...an Kroatien!


(Sämtliche hier eingebettete Videos wurden vom Rechteinhaber, dem YouTube-Channel eurovision, zum Einbetten freigegeben. Stand: 13.05.2013, 10.19 Uhr)

Sonntag, 12. Mai 2013

Natalie est arrivée



Da ist sie nun, die Natalie und hat ihre erste Probe absolviert. Im edel wirkenden, güldenen Kleid. Das steht ihr doch schon mal deutlich besser als das Zirkus-Outfit aus der Vorentscheidung. Ein paar Kilo leichter scheint sie auch zu sein, wobei ich solche Diskussionen immer ziemlich unverschämt finde. Stimmlich gab es bei ihr ja noch nie was zu mäkeln und der Auftritt hat deutlich an Dynamik gewonnen. Gefällt mir schon mal richtig gut. Trotzdem kann ich es mir nicht verkneifen, zu erwähnen, dass ich Ben Ivory doch sooo viel lieber in Malmö gesehen hätte.
Die bisherige Resonanz war durch die Bank positiv. Der Stern hat sich dabei am wenigsten unter Kontrolle: "Wir sehen uns in Düsseldorf". 

Herzlich Willkommen!

Seit 2005 führe ich mittlerweile ein privates Blog und der Eurovision Song Contest war immer ein wichtiger Bestandteil davon. In Zukunft möchte ich jeglichen Content mit ESC-Bezug nun hierhin auslagern um eine feste Anlaufstelle für diejenigen zu bieten, die genau wie ich ein Fan des ESC sind, sich aber nicht zwingend für meinen sonstigen Alltagskram interessieren. Näheres über meine persönliche ESC-Karriere findet Ihr hier.

"Wie ein Satellit" wird keine News-Seite. Dafür gibt es alteingesessene Angebote, die Ihr mit Sicherheit bereits kennt. Falls nicht, hilft Euch meine (noch zu erstellende) Linkliste bestimmt weiter. Viel mehr biete ich hier meine Sicht der Dinge auf alles ESC-Relevante an. Ich lasse mich über die nationalen Vorentscheidungen und die daraus hervorgehenden Beiträge der aktuellen Saison aus, präsentiere immer wieder mal meine persönlichen Alltime-Classics und lasse Euch an meinen Prognosen und Votings teilhaben. Da ich an andere Stelle auch als Podcaster aktiv bin, wäre ein entsprechendes Zusatzangebot in Zukunft auch denkbar.

Ich pflege momentan sämtliche älteren Posts mit ESC-Bezug aus meinem privaten Blog hier ein. Dabei verzichte ich aus urheberrechtlichen Gründen auf ursprünglich eingebundene Videos. Auch die damals verlinkten Fotos werden diesen Umzug leider nicht überleben. Sorry dafür!

Ich wünsche Euch viel Spaß beim Stöbern und freue mich ganz besonders auf Eure Rückmeldungen. Am leichtesten geht das natürlich immer über die Kommentarfunktion. Macht also bitte regen Gebrauch davon!

Samstag, 11. Mai 2013

Die heiße Phase

Nun ist also die 2013er Edition bereits in vollem Gange. Seit fünf Tagen laufen die Proben und wie üblich, versuche ich alle aktuellen Wasserstandsmeldungen aufzusaugen. Wird die junge Dame aus Israel tatsächlich das unvorteilhafte Kleid aus der Vorentscheidung tragen? Beginnt der Rumäne seinen Auftritt wirklich auf einem Berg aus Schinken stehend? Wird der 95-jährige Schweizer bis zum Beginn des ersten Semifinals durchhalten? Das sind alles wichtige Fragen, die man bei der Erstellung von hieb- und stichfesten Prognosen in Betracht ziehen muss. Und um Prognosen und Wahrscheinlichkeiten geht es hier schließlich. Ich kann mich in den zwei Wochen vor dem eigentlichen Hauptereignis regelrecht in Listen, Tabellen und Wettquoten verlieren. Der Jahrgangssampler wird rauf und runter gehört. Es werden schon mal Punkte verteilt und im Zweifel die Auftritte aus den nationalen Vorentscheidungen noch mal zu Rate gezogen.
Eine solch merkwürdige Obsession kann leicht zu Vereinsamung führen. Glücklicherweise ist Inkki (für evtl. neue Leser: meine Frau!) ähnlich veranlagt und hat ebenso viel Spaß an diesen rituellen Zwangshandlungen wie ich. Fein säuberlich hat sie unsere Votingblätter der letzten Jahre abgeheftet und bis heute ist es mir noch immer nicht wirklich gelungen, ihr ganz individuelles Votingschema zu durchschauen. Sie vergibt 1 bis 10 Punkte. Mache ich auch. Dann benutzt sie auch noch Abstufungen wie z.B. 8,5 Punkte. Mache ich auch. Zusätzlich (und jetzt wird’s exzentrisch!) vergibt sie dann auch noch 9- oder 8+ und verzichtet weiterhin auf die Verteilung von 1 bis 4 Punkten. Alles klar? Mir nicht! Das soll wohl irgendwie ans finnische Schulbenotungssystem angelehnt sein. Ich finde es jedenfalls Jahr für Jahr wieder amüsant und nutze es für permanente Frotzeleien. Über den Zwischenstand meiner halb-wissenschaftlichen Erhebungen werde ich mich die Tage noch mal auslassen. Aber eins sei schon mal verraten: Deutschland wird nicht gewinnen!