Dienstag, 14. Mai 2013

Die türkische Auszeit

Die Türkei war über Jahrzehnte so was wie der bucklige Verwandte der ESC-Familie. Sie gehörten zwar irgendwie dazu, aber wenn sie nicht zur jährlichen Familienefeier erschienen wären, hätte es die anderen auch nicht so richtig gestört. Der kulturelle Unterschied zum ESC-Kernland in Westeuropa war nicht zu leugnen und so fanden die oft eher orientalisch anmutenden Beiträge bei den Juries in der Regel wenig Anklang.

Dass sich dies vor rund 15 Jahren änderte lag vermutlich nicht zuletzt an der Osterweiterung der EBU. Der klassiche Schlager wurde immer mehr von folkloristischeren Klängen abgelöst. Dass die Türkei immer erfolgreicher wurde lag aber auch daran, dass man sich immer mehr von operettenhaften Vorträgen verabschiedete und auf angesagte Charts-Themen setzte. Die Türkei war plötzlich am Puls der Zeit. Eine Entwicklung, die mit dem Sieg von Sertab Erener (2003) einen ersten Höhepunkt feierte. In den Folgejahren fuhr der türkische Staatssender TRT stets fantastische Ergebnisse ein und die Türkei wurde so zu einer der erfolgreichsten Nationen der 2000er-Jahre.

Plötzlich und unerwartet kam dann die Ankündigung, am ESC in Malmö nicht teilzunehmen. Die offizielle Begründung lautete, dass man sich gegenüber den Big Five benachteiligt fühle und auf diesem Wege dagegen protestieren möchte.
Aber ob das die ganze Wahrheit ist? Der von mir sehr geschätzte ESC-Blogger Tobias Larsson von YLE-Finnland, berichtet in seinem Blog von Unterhaltungen mit türkischen Freunden, die vielmehr vermuten, dass sich die eigentlich eher säkulare Türkei unter ihrer aktuellen Regierung mehr in Richtung Islamismus, wenn auch in abgemilderter Form, bewege. Als Indiz dafür könne gelten, dass die Türkei seit 2009 keine weiblichen Künstler mehr ausgewählt hat. Der nächste konsequente Schritt wäre die Abgrenzung zur westlichen Popkultur, die möglicherweise mit der Absage für den ESC 2013 eingeleitet wurde. In diesem Fall müsste man sich wohl auf eine längere Abwesenheit von türkischen Künstlern einstellen.


Bleibt zu hoffen, dass dem nicht so ist und wir bald wieder Acts wie z.B. Athena (siehe Video) auf der großen Bühne zu sehen bekommen. Die dauerhafte Abwendung der Türkei vom Eurovision Song Contest wäre ein zu großer Verlust.

(Das hier eingebettete Video wurden vom Rechteinhaber, dem YouTube-Channel eurovision, zum Einbetten freigegeben. Stand: 14.05.2013, 11.15 Uhr)