Über mich

Gibt es so etwas wie musikalische Schizophrenie? Wie kann es sein, dass in meinen Playlists hauptsächlich Künstler wie Bloc Party, Marsimoto, Deadmau5 oder Touché Amoré auftauchen und ich mich gleichzeitig für Songs wie Papa Pinguin oder Boom Boom Chaka Chaka begeistern kann?

Wie vermutlich bei jedem ESC-Fan begann meine Leidenschaft bereits in Kindestagen. Der erste Grand Prix d'Eurovision, an den ich mich erinnern kann ist der aus dem Jahr 1979. Dschingis Khan hatten es mir angetan. Das war wild und fetzig, jedenfalls für einen braven achtjährigen Jungen, der gerade eine vielversprechende Karriere als Ministrant begann. In irgendeinem Fotoalbum müsste es sogar noch ein Bild geben, auf dem ich mit zum Umhang umfunktionierter Picknickdecke und einem Mikrofonimitat meine Interpretation von "He Reiter, Ho Reiter..." zum Besten gebe.
Nicoles Sieg in Harrogate bekam ich nur am Rande mit weil ich mich just an diesem Wochenende mit meiner Fußballmannschaft in Holland aufhielt. Da mir "Ein bisschen Frieden" schon damals überhaupt nicht zugesagt hat, konnte ich das verschmerzen. Ein wenig stolz war ich aber schon auf unseren Erfolg. In den folgenden Jahren spielte sich dann meine musikalische Sozialisation ab, die mich ausgehend von der Neuen Deutschen Welle über Kiss bis hin zu den Sex Pistols führte. Der Grand Prix stand trotzdem Jahr für Jahr im Mai auf meinem Programm. Zu sehr faszinierte mich der sportliche Grundgedanke des Contests als dass ich mir dieses Spektakel hätte entgehen lassen können.

In den Folgejahren geriet der ESC aber mehr und mehr zu einer musikalischen Parallelwelt und mir ging auch der letzte Rest von Zugang dazu vollends verloren. Die deutschen Vorentscheidungen sah ich mit einem halben Auge, aber in erster Linie waren diese für mich reine Freak-Shows. Kein Wunder bei mittlerweile geradezu legendären Auftritten wie z.B. dem der Eurocats mit dem zukunftsweisenden Titel "Surfen Multimedia".

Dann kam der Meister und alles wurde gut! Seine musikalische Liebesbekundung begeisterte mich so sehr, dass ich mir sogar die Maxi-CD holte und die Grand-Prix-Party im benachbarten Studentenwohnheim war grandios. Dabei fiel mir aber auf, dass der ESC scheinbar tatsächlich im Wandel begriffen war. Musikalische Einfältigkeit wurde hier und da durchbrochen, was ich im Nachhinein der Osterweiterung der EBU zugute schreibe.



Im selben Jahr lernte ich meine heutige Frau kennen, die aus Finnland kommt und, wie es der Zufall so will, Eurovision-Fan war. Nun hatte ich in den kommenden Jahren gleich zwei Länder, denen ich die Daumen drücken konnte, was den Spaß folgerichtig verdoppelte. Außerdem wurde das Internet zur wichtigen Informationsquelle. Ich tauschte mich im Forum der OGAE mit anderen über die nationalen Vorentscheidungen aus und nahm an meinen ersten, privat organisierten Musikcontests teil. Somit wurde aus dem saisonalen Großereignis ESC ein Ganzjahres-Hobby für mich.

Im Jahr 2006 geschah dann das bis dahin Unvorstellbare. Finnland gewann den ESC und meine mittlerweile zweite Heimatstadt Helsinki wurde somit zum Ausrichter des Folgejahrs. Diese Chance konnten wir uns nicht nehmen lassen. Wir erlebten unseren ersten ESC live vor Ort und gingen davon aus, dass das ein für uns einmaliges Spektakel bleiben würde. Doch dann kam Lena und es kam noch besser. Unsere Hauptstadt sah sich außer Stande ein solches Großereignis auszurichten und da meiner Geburts- und Heimatstadt keine Herausforderung groß genug erscheinen kann, schlug die Stunde von Düsseldorf. Der Eurovision Song Contest direkt vor meiner Haustür! Ein wirklicher Traum. Nun kann ich mir wirklich keine Steigerung mehr vorstellen.